Verteidigungswirtschaft in Bayern: Planung und Flächenstrategien
Sicherheit und Verteidigungspolitik
Kommunale und wirtschaftliche Handlungserfordernisse
Die sicherheits- und verteidigungspolitischen Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Die sicherheitspolitische Zeitenwende führt bundesweit zu einem deutlich steigenden Bedarf an militärischer und sicherheitsrelevanter Infrastruktur. Vor diesem Hintergrund kommt der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie auch in Bayern eine wachsende Bedeutung zu: Rund 50.000 Beschäftigte erwirtschaften hier etwa ein Drittel der bundesweiten Wertschöpfung der Branche. Die neue Prioritätensetzung auf Bundesebene, mit Verteidigungsausgaben von künftig über 108 Milliarden Euro, verschärft den Wettbewerb um verfügbare Flächen. Um bestehende Produktionskapazitäten weiter auszubauen, ist die Branche auf langfristige Verträge und verlässliche Planungssicherheit sowie Flächen angewiesen.
Neben Wohnungsbau, Gewerbeentwicklung, Energiewende und Klimaanpassung gewinnt damit auch die sicherheits- und verteidigungsrelevante Nutzung von Flächen weiter an Bedeutung. Das Moratorium zur zivilen Nachnutzung militärischer Liegenschaften sowie neue Anforderungen der Verteidigungsindustrie erhöhen die Komplexität der Flächenkonkurrenz und der kommunalen Planung erheblich und stellen Kommunen zunehmend vor anspruchsvolle Abwägungsentscheidungen.
Für Kommunen stellt sich damit weniger die Frage eines „Ob“, sondern vielmehr eines strategischen „Wie“: Wie lassen sich sicherheitsrelevante Anforderungen mit kommunaler Planung, wirtschaftlicher Entwicklung und regionaler Transformation in Einklang bringen? Die Ergebnisse des IHK-Symposiums Wirtschaftsförderung für Kommunen vom 27. November 2025 liefern hierzu wichtige Anhaltspunkte.
Flächen und regionale Entwicklungen
Planungsrahmen und Abstimmungsbedarf
Das Moratorium zur Nutzung oder Vorhaltung militärischer Liegenschaften, wirkt sich unmittelbar auf kommunale Planungsspielräume aus. In der Praxis zeigen sich dabei vor allem Unsicherheiten hinsichtlich zeitlicher Perspektiven, Zuständigkeiten und künftiger Flächenbedarfe. In vielen Kommunen kommt es zu kurzfristigen Planungsstopps und Verzögerungen. Fehlende oder spät verfügbare Informationen erschweren eine vorausschauende Planung und wirtschaftliche Entscheidungen.
- Für verlässliche Planung ist eine frühzeitige, transparente und institutionalisierte Kommunikation zwischen Bundeswehr, Freistaat, Kommunen und Wirtschaft erforderlich.
- Notwendig sind klare Ansprechpartner, verbindliche Abstimmungsformate und belastbare Angaben zu Umfang, Prioritäten und Zeitplänen sicherheitsrelevanter Nutzungen.
Konkurrenz um Flächen und regionale Lösungsansätze
Die zunehmende Flächenbindung durch sicherheits- und verteidigungsrelevante Nutzungen verschärft bestehende Nutzungskonflikte, insbesondere dort, wo militärische Standorte nicht mehr für die zivile Nutzung zur Verfügung stehen. Die bestehende Flächenkonkurrenz zwischen Wohnungsbau, Gewerbeentwicklung, Energieprojekten sowie kommunaler Infrastruktur wird teilweise massiv verstärkt. Ohne geeignete Ausgleichsmechanismen verlieren Kommunen wesentliche Handlungsspielräume für wirtschaftliche Entwicklungen und regionale Transformation. Vor diesem Hintergrund rücken regionale und interkommunale Ansätze stärker in den Fokus.
- Für eine langfristig tragfähige Entwicklung müssen sicherheits- und verteidigungspolitische Anforderungen mit kommunaler Planung in Einklang gebracht werden. Dazu gehören die Prüfung gemeinsamer oder temporärer Flächennutzungen, die Entwicklung regionaler Flächenstrategien sowie die Stärkung interkommunaler Kooperationen.
- Entstehende Chancen, etwa durch gemeinsame Nutzung von Einrichtungen, die Vernetzung zwischen öffentlicher Hand, Bundeswehr und Wirtschaft sowie durch die Profilierung von Regionen als sicherheits- und technologieorientierte Kompetenzstandorte, sollten aktiv genutzt werden.
- Sicherheits- und verteidigungsrelevante Investitionen sind systematisch in regionale Entwicklungsprozesse einzubetten.
- Es bedarf klarer Aussagen zum Flächenbedarf der Bundeswehr im Rahmen des personellen Aufwuchses.
Bedeutung für die Wirtschaft
Rahmenbedingungen für Unternehmen
Die Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft ist in Bayern ein relevanter Wirtschaftszweig mit hoher regionaler Bedeutung. Unternehmen sind dabei auf langfristige Planungssicherheit angewiesen, sowohl in Bezug auf Flächen als auch auf Produktions- und Investitionsentscheidungen. Unsichere Genehmigungsprozesse oder fehlende Klarheit über künftige Standortbedingungen können Investitionen verzögern oder verhindern.
Kommunen spielen hier eine wichtige Rolle als Schnittstelle zwischen Unternehmen, Verwaltung und übergeordneten Planungsebenen. Transparente Verfahren, klare Zuständigkeiten und verlässliche Zeitabläufe sind zentrale Standortfaktoren, nicht nur für die Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft, sondern für die regionale Wirtschaft insgesamt.
Planungssicherheit für Unternehmen und langfristige Entwicklung
Die derzeitige Gesetzeslage erlaubt es Unternehmen der Verteidigungsindustrie nicht, auf Vorrat zu produzieren. Das verhindert die Nutzung von Skaleneffekten, erschwert die Ausweitung von Produktionskapazitäten und beeinträchtigt langfristige Entscheidungen über Produktions- und Flächenbedarfe.
- Schaffung von Investitions- und Planungssicherheit für Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, um langfristige Investitionen in Produktionskapazitäten und Standorte zu ermöglichen.
- Einführung von Ankerverträgen für Start-ups und Scale-ups sowie Festpreisverträgen für KMUs, um Innovationen am Standort zu fördern.
- Dual-Use-Projekte wie beispielsweise das Defense Lab in Erding müssen schneller aufgebaut werden. Die Einbindung der Kommunen und der Industrie- und Handelskammern als Drehscheibe zur regionalen Wirtschaft ist essenziell.
Genehmigungsprozesse und Verwaltungsstrukturen
In vielen Regionen treffen steigende Anforderungen auf bereits stark ausgelastete Verwaltungsstrukturen. Komplexe Verfahren, begrenzte personelle Ressourcen und uneinheitliche Standards führen zu Verzögerungen, die sich unmittelbar auf Standortentscheidungen auswirken können. Der Ausbau lokaler Produktionskapazitäten scheitert häufig an komplexen Verfahren und bürokratischen Hürden, etwa durch Naturschutzvorgaben, Sicherheitsabstände oder unklare gesetzliche Regelungen (z. B. die Auslegung des § 37a BauGB).
- Umfassende Modernisierung und Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren, einschließlich konsequenter Digitalisierung kommunaler Verwaltungsprozesse, Harmonisierung von Standards sowie verbindlicher Fristen und Genehmigungsfiktionen.
- Zentraler Ansprechpartner in (kommunalen) Verwaltungen für Unternehmen der SVI-Branchen.
- Klare Strukturen zur Stärkung der zivil-militärischen Zusammenarbeit.
Chancen für regionale Entwicklung
Neben den Herausforderungen eröffnen sicherheits- und verteidigungsrelevante Entwicklungen auch Chancen für Kommunen und Regionen. Investitionen in Infrastruktur, Forschung und Technologie können regionale Wertschöpfung stärken und neue Kooperationsformen zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Hand fördern. Entscheidend ist, diese Potenziale frühzeitig zu erkennen und strategisch in regionale Entwicklungsprozesse einzubetten. Das Standortportal Bayern kann hierbei als Informations- und Orientierungsplattform unterstützen.
Weiterführende Informationen
Die Informationen basieren auf den Ergebnissen des 24. IHK-Symposiums Wirtschaftsförderung für Kommunen vom 27.11.2025 der IHK für München und Oberbayern. Das vollständige Ergebnispapier steht Ihnen als Download (rechte Spalte) zur Verfügung. Die Inhalte dienen der Information und Einordnung und stellen keine formale Positionierung der IHK dar.
Ergänzende Details zur Verteidigungsindustrie in München und Oberbayern sowie einen kompakten Leitfaden finden Sie in der rechten Spalte unter den weiterführenden Verlinkungen.
